Zum Wohle aller Wesen

Dai sai gedap-puku
Musou fuku den e
Hi bu noyrai kyo
Kodo shoshu jo

und auf deutsch heisst das sowas wie:

Großartiges Gewand der Befreiung, 
verdienstvolles Feld weit jenseits von Form und Leerheit. 
Gehüllt in Tathagatas Lehren 
geloben wir, alle Wesen zu retten. 

* (aus dem Chant Book von Sanshinji, aus dem Japanischen ins Englische übersetzt von Okumura Roshi,

aus dem Englischen übersetzt von Kyoku Lutz)

Jeden Morgen legen wir unser O-Kesa auf den Kopf und chanten diesen Vers. Kaikyo Roby, meine erste Lehrerin in dieser Lehrlinie, glaubte fest daran, dass alle Menschen Bodhisattvas sind. Ich glaube das auch!

Wenn wir in diesem Geist vor den bewertenden Unterscheidungen praktizieren, bevor wir die Welt in Gut und Böse unterteilen und bevor unsere Gewohnheitsenergien und Muster zu greifen beginnen und wir anfangen, uns abzugrenzen, eine Kluft entsteht zwischen uns und dem da draußen, wenn wir erspüren, dass alle Dinge miteinander in Verbindung sind, können wir vielleicht die Bedeutung des allumfassenden, unbegrenzten Mitgefühls ein bisschen erahnen. 

In traditionellem Japanisch wird das allumfassende, unbegrenzte Mitgefühl oft mit dem Wort DAIJIHI (大慈悲) übersetzt. 
 
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich gerade im Warteraum der Justizanstalt Josefstadt und warte, bis der Insasse, den ich besuchen will, gebracht wird, um dann in einem kleinen Raum, durch eine Glasscheibe von ihm getrennt, sein Leid zu teilen. Diese Übung, im Geist vor den bewertenden Unterscheidungen auszuharren und dies auszuweiten in unser alltägliches Leben hinein, dieses Feld zu vergrößern und mit anderen zu teilen, zum Wohle aller Wesen, ist mein wichtigstes Gelübde geworden. 
 
Dogen Zenji, der Gründer unserer Lehrlinie im 13. Jahrhundert in Japan, sagte im Genjokoan, einem wichtigen Teil des Shobogenzos, der wichtigsten Sammlung seiner Lehrreden: „Willst du den Weg des Buddha erforschen, musst du dein Selbst erforschen….“

Wenn wir diesen Weg gehen und beginnen, uns um uns selbst zu kümmern und anfangen, uns zu klären, dann beginnen wir gleichzeitig auch, uns um das Wohlergehen aller Wesen zu kümmern. Dies beginnt meist in unserer nächsten Umgebung, mit unseren Familien, Freunden, und breitet sich dann weiter aus. Es ist wie bei einem Stein, den man in einen stillen See wirft und wo die sich bildenden Wellen sich bis an alle Ufer des Sees ausbreiten. Unser Stein in diesem Bild ist unsere wichtigste Übung, das Sitzen in Versenkung – Zazen.

Diese Praxis, zum Gemeinwohl aller, mit anderen zu teilen, ist auch eine große Möglichkeit, seine eigene Praxis mehr in das alltägliche Leben zu integrieren. Egal wo, beginnend in unserer nächsten Umgebung, oder in einem Altersheim, Krankenhaus, als Lesepate in einer Schule, in Obdachloseneinrichtungen; egal was, mit Menschen mit Beeinträchtigung Zeit verbringen, mit Flüchtlingen Deutsch lernen, egal wo oder wie auch immer gerade Unterstützung gebraucht wird. In diesen Konstellationen kann man Räume schaffen, in denen man tatsächlich in diesem Geist vor den Bewertungen verharren kann, nicht sofort Einordnungen treffen muss, denen dann sofort Entscheidungen folgen. Hier kann sich die wahre Wirklichkeit voll entfalten und wir können über uns hinauswachsen!  

Wir versuchen mit unserem Projekt „1000 Hände – gelebte Verbundenheit“ einen solchen Raum in der Welt zu schaffen. „1000 Hände“ ist ein Angebot für Menschen, die am Arbeitsmarkt wenige Chancen auf eine Beschäftigung haben, wie zum Beispiel ehemalige Gefängnisinsassen, Menschen mit Behinderungen, Obdachlose, psychisch Kranke, Drogen- und Alkoholabhängige nach einem Entzug. Über einfache handwerkliche Arbeit wird ein Einstieg in eine alltägliche Struktur ermöglicht. Wir alle wissen, dass dieser Rahmen als Anker, als Halt in unserem Leben notwendig ist. Das Tun mit unseren eigenen Händen, die verkörperte Erfahrung dieses Tuns, spielt dabei eine entscheidende Rolle. In unserem Fall wird dies das Zubereiten von Backwaren und Lebensmitteln, in weiterer Folge von Brot und ähnlichem sein.

Begleitet wird dieser Prozess der Eingliederung bzw. Wiedereingliederung in einen strukturierten Alltag durch die Beschäftigung von ehrenamtlich tätigen Mitmenschen, die das Teilen ihrer seelsorgerischen kontemplativen Praxis vertiefen wollen. Jeder ist willkommen und wertvoll.

Mehr Infos zum Projekt findet ihr auf der 1000-Hände-Website.